
Ein Blick zurück
Wie alles anfing...
Politik, Geschichte und
Deutsche Literatur waren die Stoffe, mit denen Peter Riegel, wenn alles immer
nach Plan gelaufen wäre, seine Schüler als Gymnasiallehrer wohl eher gequält
als unterhalten hätte. Das Interesse für diese Themen lebt bis heute, doch
schon während des Studiums an der Universität von Konstanz kamen erste Zweifel,
ob diese Berufung ein Leben lang halten würde.
Als typisches ‚Kind’ der
damaligen Alternativbewegung ergaben sich Kontakte zu Menschen, die sich neben
der Politik auch gerne mit handfesten Materien wie Töpferei, Wolle, Tee und
Heilkräutern beschäftigten. So entstand ein Ladenprojekt in der Altstadt von
Konstanz, in dem Peter Riegel selbstständig die Abteilung für Wolle schuf und
ausfüllte. Nicht einfach Wolle natürlich, sondern handgesponnen,
pflanzengefärbt oder von Freunden im kargen südfranzösischen Lozère
hergestellt. Zur Verwunderung so mancher Hausfrau gab‘s dazu entsprechende
Tipps für das Zu- und Abnehmen (von Maschen) und bei Bedarf auch Kurse für das
Spinnen von Wolle oder das Stricken von Pullovern.
Überzeugung und Wein...
Die Begegnung mit
Menschen, die um Frankfurt das Netz für Deutsch-Okzitanische Freundschaft
gegründet hatten (Wolfram Römmelt und Klaus Schopf von Vinoc), war ein Zufall,
aber sie passte ins Umfeld. Heute würde man das wohl als Fairen Handel
bezeichnen. Allerdings nicht mit Ländern der so genannten Dritten Welt, sondern
mit politisch aktiven, wirtschaftlich im damaligen zentralistischen Frankreich
aber benachteiligten Languedoc, die den Verkauf ihrer Weine mit dem militanten
Kampf für kulturelle Eigenständigkeit verknüpften. Die Ideen und ihre
passionierten Vertreter waren so begeisternd, dass der Wein in jedem Fall
vorzüglich mundete und mit entsprechender Motivation vertrieben wurde. Von Hand
abgeladen vom großen Sammelbestellungs-LKW, da dieser meist am Zoll hing, bei
Nacht und Nebel im hoffnungslos überladenen Opel Kadett in die heimatliche
Scheune transportiert und von dort aus an linke Buchläden, Szenekneipen oder
politisch ähnlich denkende Freunde vertrieben.
Durchhalten war das Motto...
Als die Mengen dann so
groß waren, dass der LKW aus Frankreich direkt zu Hause vorfuhr, halfen Freunde
(und der unglaublich hilfsbereite Chauffeur Alain Guillard, auch heute noch ein
guter Freund) am Ende an die 15/17 Tonnen Wein per Menschenkette in die Scheune
zu befördern. Zur Stärkung (und als Lohn) gab es anschließend ein gemeinsames
Essen, bei dem die frisch angekommenen Weine gleich einem ersten schonungslosen
Verbrauchertest unterworfen werden konnten. Den sie bei so viel Enthusiasmus,
wen wunderts, meist mit Bravour bestanden.
Nicht weit vom Wein,
ebenso romantisch wie einfach, wohnte schon bald auch Stefan Thel in der
Scheune, der versuchte, erste Kontakte zu einem größeren Kundenkreis
anzuknüpfen, nachdem die Selbstversuche von Gisela und Peter Riegel keine
befriedigenden Ergebnisse gebracht hatten. Peter Riegel hatte derweil
angefangen, den Weinhandel mit dem Reparieren von Fenstern zu finanzieren, vom
Weinverkauf hätten anfangs weder Stefan Thel noch die auf mittlerweile 4 Köpfe
angewachsene Familie überleben können.
Na, logisch ökologisch...
Bald änderten sich die
politischen Inhalte, statt Pershingraketen oder südamerikanischen Diktatoren
standen ökologische Themen im Mittelpunkt. Und die Weine sollten, wenn möglich,
nicht nur politisch korrekt, sondern darüber hinaus biologisch (das hieß damals
ökologisch) angebaut werden. Einige Winzer der ersten Stunde ließen sich
überzeugen, ihre Betriebe umzustellen: Cellier de Segur, Château Pech-Latt,
damals noch vom Urgestein Jeannot Vialade geführt, Château St. Auriol und die
Domaine Bassac der Frères Delhon. In dieser Zeit entstand auch die erste
französische Eigenmarke: Le Corbeau. 5.000l, eine unvorstellbar große Menge,
kamen per Tanklastzug nach Radolfzell und wurden dort unter den
kopfschüttelnden Blicken der Kellereimitarbeiter von der ganzen Familie von
Hand in, Ehrensache, Holzkisten gelegt. Die Qualitätskontrolle für diese Weine
übernahm der schon damals angesehene Önologe Jean Natoli aus Montpellier, was
sich spätestens dann als unabdingbar erwies, als das erste Mal ein Tankzug mit
einer eher essigähnlichen Flüssigkeit vor den Kellereitoren stand.
Das Sortiment wächst...
Das Angebot an Bioweinen
war spärlich zu dieser Zeit, so war es nahe liegend, im In- und Ausland nach
Ergänzungen zu suchen, bzw. das etwas einseitige französische Sortiment um
weitere Regionen zu bereichern. La Croix Simon, Cannetta, um 1990 Fasoli, Albet
i Noya, Floriano Mognon, letztlich fanden so die Pioniere des Bioweinbaus zu
einander. Dank zahlreicher, oft von Peter Riegel initiierter Reisen entstand
ein auch heute noch lebendiges, länderübergreifendes Netzwerk, in dem
Freundschaft, Erfahrungsaustausch, Fortbildung, aber auch gemeinsames Verkosten
und so manches rauschende Fest für fachliches Fortkommen ebenso sorgte wie für
schöne gemeinsam verbrachte Stunden. Und ein Vertrauensverhältnis, das auch
heute das Arbeiten so professionell wie angenehm macht und einen fairen Umgang
miteinander fördert.